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Freitag, 30. August 2013

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Stadt gedachte am 9. November der Reichspogromnacht von 1938

Steine gegen das Vergessen

Am 9. November gedachte Weinheim der Progromnacht: Während der Bürgermeister die Namen aller 114 jüdischer Personen verlas, die am 9. November 1938 in Weinheim gelebt haben, legten Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule Steine am Mahnmal nieder

Weinheim, 16. November 2012. (red/pm) „In den frühen Morgenstunden wurde mein Vater von SA-Leuten abgeholt und wie alle jüdischen Männer Weinheims ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Als ich später zur gewohnten Zeit in die Schule gehen wollte, da konnte ich nicht mehr aus dem Haus. Bald rückten auf einem offenen Lieferwagen Schlägertrupps mit großen Äxten an und begannen, alles kurz und klein zu schlagen. Die großen Schaufenster und das ganze Inventar der Geschäfte meiner Großeltern und meines Großonkels wurden zerstört und über den Splittern der Schaufenster wurden dann die Bettfedern von aufgeschlitzten Kopfkissen verstreut. Es war ein Bild des Grauens.”

Von Roland Kern

“Eine bewegende Schilderung der Nacht von 9. auf 10. November des Jahres 1938, der Reichspogromnacht, die von den Nazis als „Reichskristallnacht“ beschönigt wurde. Die Erinnerungen stammen von Margot Seewi, geborene Rapp. Sie ist eine in Weinheim geborene Jüdin, Enkelin des Kaufhausbesitzers Isaak Heil und Großnichte seines Schwagers Ferdinand Neu, die beide in den heutigen Räumen der Commerzbank in der Fußgängerzone zwei Fachgeschäfte betrieben haben. Margit Seewi war damals ein elf Jahre altes Mädchen; den Holocaust überlebte sie in Israel, heute lebt sie hochbetagt in Köln.

Bürgermeister Dr. Torsten Fetzner zitierte die Erinnerungen jetzt am 9. November am Mahnmal im Stadtpark am Gedenktag dieser Pogrome, die als Beginn der organisierten Judenverfolgung in Deutschland gelten. „Es war ein schrecklicher Höhepunkt der NS-Diskriminierungspolitik“, so Fetzner im Rahmen der Gedenkstunde. Auch die Weinheimer Synagoge in der Bürgermeister-Ehret-Straße fiel diesem Pogrom zum Opfer. Der Bürgermeister beschrieb: „Vor der Sprengung zerstörten SA-Männer mit Äxten und Beilen den Innenraum sowie den Davidstern. Die Feuerwehr hatte Löschverbot. In der Weinheimer Innenstadt wurden die Schaufenster der jüdischen Geschäfte eingeschlagen, es kam zu Hausdurchsuchungen und alle jüdischen Männer wurden verhaftet.“

Am jüngsten Jahrestag des 9. November griff die Stadt ein altes jüdisches Brauchtum auf; die Idee hierzu hatte Gabi Lohrbächer-Gérard, die Referentin von Oberbürgermeister Heiner Bernhard. Wer schon einmal einen jüdischen oder vielleicht auch die Gedenkstätte in Gurs besucht hat, erklärte Fetzner, dem sei sicherlich aufgefallen, dass auf den Grabsteinen oft kleinere Steine liegen. Viele Juden hinterlassen beim Besuch der Gräber ihrer verstorbenen Verwandten und Bekannten einen Stein.

Während der Bürgermeister die Namen aller 114 jüdischer Personen verlas, die am 9. November 1938 in Weinheim gelebt haben, legten Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule Steine am Mahnmal nieder. „Wo Auschwitz möglich war, wird immer alles möglich sein“. An diese mahnenden Worte des Historikers Golo Mann erinnerte Fetzner am Ende seiner Rede. Gedenktage wie diese seien Veranlassung, ja Verpflichtung, den Holocaust nicht als Einmaligkeit zu sehen. „Der in unserem Land immer noch latent vorhandene menschenverachtende Rassismus und Antisemitismus verpflichtet uns, wachsam zu sein“, so Fetzner. Und weiter: „Wir gedenken heute in aller Stille den Opfern des Nazionalsozialismus und sind mit unseren Herzen bei denjenigen, die Ihre Angehörigen oder ihr eigenes Leben verloren haben.“ Die Gedenkstunde wurde passend von Uli Kammerer mit der Klarinette begleitet”

Anm. d. Red.: Roland Kern ist der Pressesprecher der Stadt Weinheim

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